
Lisa Weinert absolviert gerade ein ungewöhnliches Praktikum. Sie arbeitet bei einem Fernsehsender in Honduras. Hier ist ihr Bericht:
"Does anybody speak English here? I lost my luggage and I don't speak Spanish!"
Das waren wohl meine ersten Worte als ich vor einigen Monaten hier in Tegucigalpa, Honduras am Flughafen (der in etwa die Größe des Hamburger Hauptbahnhofs hat) ankam. Das hatte mir gerade noch gefehlt, nach einem mörderanstrengenden Flug komme ich total fertig an, aber mein Koffer hat es irgendwie nicht bis hierher geschafft. Also mache ich mich auf die Suche nach jemandem, der mir helfen kann meinen Koffer wiederzuorganisieren. Nach langem Suchen finde ich endlich jemanden der "I lost my luggage" versteht, wenn auch mit Hilfe von Zeichensprache und einem verzweifelten Gesichtsausdruck. Nach langem hin und her verstehe ich, dass ich morgen wiederkommen soll. Na super, denke ich mir und geh nach draußen, wo die Leute auf die Ankömmlinge warten. Aber nix da. Pustekuchen. Niemand da!!
Tja, da steh ich nun am Flughafen von Tegucigalpa, umringt von Menschen, die ich nicht verstehe, kilometerweit von Zuhause entfernt, ohne Gepäck und mutterseelenallein. Da kommt mir das Schild "Bienvenidos a Honduras!", das mir vor der Nase hängt, doch ziemlich ironisch vor. Das Abenteuer konnte beginnen, 6 Monate voller Ungewissheit lagen vor mir. Ich kannte weder die Familie, bei der ich leben würde, hatte keine Ahnung, wo genau mein Praktikum sein würde, und vor allen Dingen sprach ich kein Spanisch.

Naja, wenigstens bekam ich so gleich einen ersten Eindruck davon, wie schwer es sein würde, sich in diesem Land ohne Spanischkenntnisse zurechtzufinden und vor allem von der sehr eigenen "Pünktlichkeit" der Honduraner. Nach einer halben Stunde kam dann auch endlich der Señor, der mich abholen sollte, sich tausendmal entschuldigend, an. Aber mir war inzwischen schon alles egal, ich wollte nur noch ein Bett und ne Dusche. Und am selben Tag fragte ich mich so einige Male, wie ich auf die Schnapsidee gekommen war, für ein halbes Jahr nach Honduras zu gehen...
Als offizielle Jurastudentin, aber eigentlich nie Anwesende, suchte ich eine neue Herausforderung. Und als fleißige Studentin dachte ich mir, wieso nicht was für meine Bildung tun und ne andere Sprache lernen. Gesagt, getan. Ich meldete mich in der Uni für einen 4-wöchigen Intensivanfängerkurs in Spanisch an. Frohen Mutes gehe ich am ersten Tag dahin, aber muss bald ziemlich entsetzt feststellen, dass fast alle schon Grundkenntnisse in Spanisch haben und ich ziemlich hinterher hinke. Der Kurs fand fast ausschließlich auf Spanisch statt und ziemlich schnell verging mir die Lust, da ich nix verstand und völlig überfordert war.
Naja, ich hatte mit Englisch die Erfahrung gemacht, dass man eine fremde Sprache am besten lernt, wenn man vor Ort ist. Der Freund meines Vaters hat Bekannte in Honduras und schlug mir vor, sie doch mal zu kontaktieren, ob ich nicht für ein halbes Jahr bei ihnen wohnen könnte.
"Honduras?! Wo um alles in der Welt liegt das denn? In Afrika?" So oder ähnlich reagieren wohl die meisten, wenn sie zum ersten Mal von Honduras hören. Auch ich hatte keine Ahnung, wo sich dieses kleine Ländchen befindet. Aber nein, Honduras liegt nicht im Schwarzen Kontinent, sondern befindet sich in Mittelamerika zwischen El Salvador, Nicaragua und Guatemala. Mit 112.492 qkm Fläche ist Honduras das zweitgrößte Land Zentralamerikas und hat ca. 6 Millionen Einwohner. Honduras ist ein relativ unbekanntes Land, da es nur einen einzigen Krieg in seiner Geschichte zu verzeichnen hat. Und zwar den sogenannten "Fußballkrieg" mit El Salvador, der genau 100 Stunden dauerte.
Die Familie bei der ich wohne ist sehr nett und so fühlte ich mich von Anfang an ziemlich wohl hier. Nach einer Woche "Eingewöhnungszeit" hatte ich dann meinen ersten Tag im "Televicentro". Ich sollte in einer Nachrichtensendung mit dem Namen "Telenoticias" anfangen. Ziemlich nervös ging ich dorthin und war gespannt was mich erwarten würde. Doch ich hatte sehr viel Glück, das Team hat mich superfreundlich aufgenommen und alle waren sehr bemüht, mein doch recht klägliches Spanisch zu verstehen. Als erstes wurde ich durch das Televicentro geführt und erfuhr so, das es hier 3 Fernsehsender und 2 Radiostationen gibt. Dann wurden mir alle Mitarbeiter meines Senders vorgestellt, und da war ich zum ersten Mal so richtig verzweifelt und wollte nur noch ins nächste Flugzeug nach Deutschland steigen. 5 Leute gleichzeitig fingen an mir gleichzeitig Fragen zu stellen und ich verstand nur noch Bahnhof. Naja, was sollst - Augen zu und durch und natürlich immer schön smilen und "Si,si" sagen.

Am nächsten Tag bin ich dann mit den Reportern losgegangen um die Nachrichten des Tages einzufangen. Ziemlich schnell merkte ich dann, dass die Honduraner ihre ganz eigene Arbeitsmoral haben. Wenn frühmorgens gesagt wird "So, jetzt gehen wir los" kannst du dir sicher sein, dass noch mindestens 15 Minuten vergehen, bevor der erste sich bewegt. Dann am Ort des Geschehens angekommen, muss man sich natürlich erst mal ausruhen, sprich, man versammelt sich mit den anderen Journalisten und klönt erst mal 'n Stündchen, bevor es wirklich an die Arbeit geht. Also bloß keine Hektik.!!
Nachmittags werden die Texte zu den Nachrichten geschrieben und alles geschnitten. Abends um 9 gehen wir live auf Sendung und gegen 10 ist dann endlich Feierabend, und alle können nach Hause gehen. Journalist ist hier ein recht gut bezahlter Beruf. Ein studierter Journalist mit einigen Jahren Berufserfahrung verdient in Honduras etwa zwischen 300 - 500 Dollar im Monat. Davon wird die Familie ernährt, die Schule der Kinder bezahlt, das Auto finanziert, die Miete gezahlt und natürlich die Haushälterin bezahlt, die sich fast jede Familie leistet, die etwas mehr Geld als die Durchschnittsbevoelkerung zur Verfuegung hat.

Durch die Arbeit beim Fernsehsender bekomme ich ziemlich viel von Land und Leuten zu sehen. Mal sind wir beim Präsidenten und am nächsten Tag in einem Viertel, wo die Menschen 5 Lempiras (17 Lempiras = 1 US-Dollar) haben, um eine 7-köpfige Familie zu ernähren.
Der Unterschied zwischen Arm und Reich ist hier doch ziemlich ausgeprägt. Und bei der derzeitigen Politik hier werden die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer. Es zerreißt einem schon das Herz, wenn man die vielen Kinder sieht, die notdürftig bekleidet und Klebstoff schnüffelnd durch die Straßen laufen und für die es das größte ist, wenn man ihnen 1 Lempira gibt, oder sie den Rest deiner Cola haben dürfen. Das Stadtbild ist also sehr gemischt: Auf der einen Seite gibt es die Geschäftsleute, die durch die Straßen eilen und die bewaffneten Soldaten und Sicherheitspersonal vor Banken und Geschäften. Auf der anderen Seite die vielen Bettler, Kinder und Straßenverkäufer, die auf der Straße sitzen und gemächlich das Treiben der Stadt beobachten.
Mangels Bildung und der weit verbreiteten Armut ist die Kriminalitätsrate hier wesentlich höher als in Deutschland. Es haben sich sogannte "Maras" gebildet. Das sind Kinder/Jugendbanden, die den Waffenhandel und den Drogenverkauf kontrollieren. Sie sind relativ leicht an ihren Tatoos und Piercings zu erkennen, und es ist besser einen großen Bogen um sie zu machen. Jeden Tag gibt es neue Meldungen darüber, dass wieder welche von ihnen ermordet worden sind oder das sie unschuldige Personen getötet oder gekidnappt haben. Wenn man nachts Auto fährt, ist es am besten rote Ampeln zu ignorieren und das Auto von innen zu verriegeln, um nicht Gefahr zu laufen von ihnen überfallen zu werden. Das hört sich allerdings alles viel schlimmer an, als es in Wirklichkeit ist. Die Menschen hier führen ein ganz normales Leben, man muss halt nur etwas vorsichtiger sein.

Durch meinen Sender habe ich die Möglichkeit gehabt in ein Gefängnis hier zu gehen, und die Mehrheit der Insassen sind Mitglieder der Mara "18". Obwohl wir von Polizei und Militär bei unserem Besuch begleitet wurden, fühlte ich mich ziemlich unwohl - da sie selbst im Gefängnis die Möglichkeit haben an Waffen zu kommen und es während meiner Zeit hier zu einer Gefängnisrevolte kam, bei der mehr als 20 Menschen getötet wurden.
Ein anderes gravierendes Problem hier in Honduras ist die Korruption. Es wird gesagt, dass viele Journalisten korrupt sind, die Politiker sowieso und auch die Polizei.
Aber die Mehrheit der Honduraner, die ich kennengelernt habe, ist sehr liebenswürdig. Sie sind sehr hilfsbereit, friedfertig, interessiert an ihrem Gegenüber und gastfreundlich. Auch wenn es vielen an Bildung mangelt. Ich bin jetzt seit etwa 4 ½ Monaten hier in Tegucigalpa und habe noch keinerlei schlechte Erfahrung mit den Menschen hier gemacht.
Als Frau braucht man hier allerdings ein ziemlich dickes Fell, da die honduranischen Männer doch teilweise sehr aufdringlich sein können und ein "Nein" nicht so leicht akzeptieren. Ich habe ziemlich viel Erfahrung damit, da in meinem Sender nur 3 andere Frauen arbeiten und etwa 20 Männer. Wenn man hier als Mädchen an zwei Männern vorbeiläuft, kann man sich sicher sein, das einem nachgezischt wird "Ztztztztzt" und irgendein Kommentar kommt. Am besten ist es, das einfach zu ignorieren oder sich umzudrehen und ihnen freundlich zuzulächeln. Jede andere Reaktion verletzt sie sehr in ihrer Ehre, und sie können ziemlich sauer werden - da sie nicht verstehen, warum man sich dadurch nicht geschmeichelt fühlt.

Mit der Zeit habe ich festgestellt, dass es doch so einige Dinge gibt, die typisch für die Honduraner sind. Erstens, es wird nie mit dem Finger auf etwas gezeigt, man benutzt den Mund. Man formt eine Kussmund und deutet damit auf die betreffende Person oder Sache. Als ich das zum ersten Mal gesehen habe, war ich doch ziemlich irritiert (Will der mich küssen, oder was?!).
Zweitens, wenn man Müll hat, wird er genau dort hingeworfen wo man gerade steht; dementsprechend ist Tegucigalpa eine ziemlich dreckige Stadt.
Drittens, wenn man Auto fährt, muss man immer hupen. Sei es um "hallo" zu einem Bekannten zu sagen, "Idiot", "Tschüß" oder einfach nur um sich bemerkbar zu machen, wenn man um die Kurve kommt. Im Zentrum der Stadt gibt es also immer ein Hupkonzert als Hintergrundmusik. Und falls man zufällig einen Bekannten sieht, hält man halt einfach mitten auf der Hauptstraße an und klönt erst mal fünf Minuten, während sich der Verkehr hinter einem staut, und natürlich ignoriert man das Gehupe und die Flüche, die aus den Autos kommen. Wie gesagt, bloß keine Hektik!!
Und viertens kommt immer die Frage "Wie viele Biere kannst du trinken?" Es ist eine Art Volkssport hier, sich gegenseitig mit der Anzahl der getrunkenen Biere zu übertrumpfen.
In meiner Freizeit, auch wenn ich nicht viel habe, da ich montags bis freitags von 9 Uhr morgens bis 10 Uhr abends bei der Arbeit bin, gehe ich hier ins Kino, shoppen, bowlen oder zu diversen Veranstaltungen. Es gibt hier auch einige ganz nette Bars und Diskotheken, allerdings fand ich es schon ziemlich gewöhnungsbedürftig, dass dort bewaffnete Soldaten patroullieren.


Als Studentin habe ich hier mehr Geld zur Verfügung als manch honduranische Familie. Dementsprechend bin ich ziemlich vorsichtig mit erzählen von Sachen, die ich mir gekauft habe, und dass ich mal wieder im Kino war. Die Leute wissen, dass sie arm sind, aber man muss ihnen nicht unter die Nase reiben, WIE arm sie sind.
Jetzt bleiben mir noch etwa 1 ½ Monate hier in Tegucigalpa, und natürlich freue ich mich auf zu Hause, aber auf der anderen Seite bin ich doch ziemlich traurig hier wegzugehen. Ich habe in der kurzen Zeit hier sehr viele supernette Leute kennengelernt und einige gute Freunde gewonnen.
Natürlich habe ich immer noch Probleme mit Spanisch, aber wenigstens kann ich mich jetzt einigermaßen verständigen, und ich bin meinen Arbeitskollegen sehr dankbar für die Geduld, die sie mit mir hatten und immer noch haben.
Meine Zeit hier ist eine Erfahrung die ich nicht missen möchte. Ich habe einen völlig anderen Kulturkreis kennengelernt, habe einiges über die Menschen erfahren und mit Hilfe der freundlichen Menschen habe ich es geschafft mich in einem Land wohl zu fühlen, wo ich bis heute teilweise nichts verstehe. Ich kann nur jedem raten, der die Möglichkeit hat nach Honduras zu kommen, diese auch zu nutzen. Man lernt andere Werte zu schätzen und sich auf teilweise vollkommen andersdenkende Menschen einzustellen.
Natürlich kann ich nicht leugnen, dass es doch teilweise ziemlich schwer ist und ich mir doch das ein oder andere Mal gewünscht habe nach Hause zu fliegen (vor allem dann, wenn jemand sehr schnell auf spanisch mit mir geredet hat und ich nix verstanden habe). Aber mit etwas Durchhaltevermögen und dem Gedanken im Hinterkopf, dass jeder mal klein anfängt, ist es machbar, und man kann eine unvergessliche Zeit in einem wunderschönen und vielfältigen Land verbringen!

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